Holbox: Krokodile statt Flamingos. A hell of a trip. And after a while: crocodile.

(B)logbucheintrag, Montag, 16.Oktober. Wir paddeln jetzt schon seit anderthalb Stunden. Die Sonne brennt und der Rum ist alle. Langsam aber sicher verlassen mich meine Kräfte. Es ist kein Land in Sicht, nur Mangrovendickicht aus dem Reptilienaugen glotzen. Unter uns ziehen dunkle mächtige Schatten vorbei.

(Das einzige, was hier nicht ernst gemeint war, war das mit dem Rum. Wir hatten nie welchen dabei. Gerade könnte ich allerdings ein Fass auf Ex trinken.)

Dass dieser Tag mich im Nachhinein viele Nerven kosten würde, konnte ich morgens noch nicht ahnen. Also fange ich von Anfang an und entschuldige mich jetzt schon mal vorsorglich bei meinen Eltern. 

Eigentlich hatte ich überlegt, einen Ausritt am Strand zu machen. Man kann hier auf Pferden den Strand entlang reiten, aber erstens bin ich nicht so ein Pferdemädchen und zweitens ist Reiten ganz schön gefährlich. (Die Ironie dieses Gedanken und des Schicksals wird mir erst später bewusst...)

Mit mir ist mal ein Pferd durchgegangen, weil mein Opa es für ein Foto vor ein blühendes Tabakfeld stellen wollte, das mit einem Elektrozaun eingezäunt war. Pferdearsch an Elektrozaun, Pferd wiehrt, steigt und rennt los. Konnte mich gerade noch so seitlich an seinem Hals hängend festhalten während es davon galoppierte. Meine Schwester hat sich mal ganz blöd den Arm gebrochen beim Reiten. "Viel zu gefährlich", denke ich, auch im Sinne meiner Eltern, und suche nach Alternativprogramm. 

Hier auf der Isla Holbox gibt es Sandbänke, auf denen Flamingos einbeinig rumstehen. Die möchte ich gerne besuchen. Also stehe ich früh auf und mache einen schönen Spaziergang den Strand entlang. Der Weg zu den Sandbänken ist relativ weit, das Meerwasser steht hoch und ich komme nicht weiter, ohne zu schwimmen. Grundsätzlich kein Problem, aber ich habe meinen Rucksack dabei (nicht Rafael sondern einen kleinen Rucksack für den Strand, mit Handtuch, Geldbeutel und so weiter)

Also frage ich in einem Hotel nach. Die Dame an der Rezeption bietet mir die 3 Islas Tour mit einem Boot an: Isla de Pajaros, Isla de Pasion und Isla... Da ich mit Bootstouren zu Inseln nicht die besten Erfahrungen gemacht habe, laufe ich weiter und frage einen Typ am Strand, der Kajaks und Paddleboards anbietet. So ein Zufall: in 10 Minuten kommen zwei Leute, die eine SUP und Kajak Tour machen, ich kann mitkommen. Mit dem Boot zum Punta Mosquito, da wo die Flamingos wohnen, und dann rumpaddeln. Cool. Viele Orte und Punkte auf der Insel heißen so lustig, es gibt z.B eine Calle de Tiburon Ballena (Walhaigasse) und eine Standbar namens Mantarray. 

Da sind auch schon Gustavo aus Mexiko und Artur aus Brasilien. Zusammen mit Kevin, dem Guide, fahren wir in einem kleinen Boot, das hinter sich zwei Kajaks und zwei Paddleboards herzieht (und sie auf dem Weg einmal verliert, weswegen wir umdrehen und ein Stück zurück müssen), zum Punta Mosquito, dorthin wo die Insel einen Knick macht. Der Name des Ortes ist nicht sehr einladend, der Blick allerdings schon. 

Auf einer Sandbank steigen wir aus. Irre: wir stehen mindestens hundert Meter vom Strand entfernt mitten im Meer und das Wasser geht mir nur bis zu den Knien. 

Die Flamingos stehen ein Stück weiter, wir wollen sie nicht stören und näheren uns nicht so sehr auf unseren Paddleboards, immerhin ist das ihr Territorium. Es sieht fantastisch aus: das blaue Meer, das so flach ist, dass der weiße Sand durchschimmert, der blaue Himmel und mittendrin die pinken Flamingos. Es ist total absurd. 

Wir paddeln weiter, am Ufer stehen noch mehr Flamingos. Wir versuchen, Abstand zu halten, aber die Strömung schiebt uns Richtung Strand und Richtung Flamingos. Plötzlich heben sie ab. Die langbeinigen, pinken Vögel fliegen los, über uns hinweg zur Sandbank, zu den anderen Flamingos und es ist wie im Film. Ich auf dem Paddleboard, dort, wo sich der Golf von Mexiko mit dem Karibischen Meer vermischt, und über mir fliegen Flamingos. Um mich rum gleiten Mantarochen durchs flache Meer. Ein bezaubernder Moment. Wer auch immer das Drehbuch geschrieben hat, hat einen Oscar verdient. 

Flamingos!
Flamingos!

Kevin paddelt weiter in Richtung einer Flussmündung. Holbox ist wie ein Bumerang geformt, wir sind gerade an der Spitze in der Mitte. Dort, an ihrer breitesten Stelle, durchziehten Mangroven die Insel, in die wir hineinpaddeln. 

Immer weiter geht's den Fluss entlang, rechts und links ragen Mangrovenbäume ins Wasser. Es raschelt im Dickicht. Später wird mir auffallen, dass Kevin mit seinem Paddel manchmal auf die Wasseroberfläche klopft. Unzählige große und kleine Vögel sitzen wie gemalt auf Ästen, die aus dem Wasser ragen. (ich habe ein bisschen Mitleid mit den weißen Vögeln, denn sie sehen bei weitem nicht so spektakulär und schön aus wie die Flamingos. Ob ihnen das bewusst ist?)

Ich denke an die Rednitz, auf der ich schon oft gepaddelt bin, bei den Boardnerds in Mühlhof. Erst Fluss aufwärts und auf dem Rückweg treiben lassen. Ich hoffe, dass es hier auch so ist, die Strömung, gegen die wir hier anpaddeln, ist ziemlich stark. Ich weiß nicht, wie lange wir noch geradeaus paddeln und wo's eigentlich hingehen soll und plötzlich wird mir unheimlich. Was sind die Schatten unter uns? Meine Kraft lässt nach, meine Sicht verschwimmt, ich knie mich hin und paddle im Knien weiter. Kevin fragt, ob wir tauschen wollen: ich gebe ihm mein Paddleboard und nehme sein Kajak. Ja, gern, sitzen. Wir paddeln immerhin schon seit über einer Stunde. Wir tauschen also  Platz und ich werde misstrauisch, weil Kevin sehr zusammenzuckt als das Board wackelt. Er sagt "No fall in!"

Die Sonne brennt und obwohl mein Kopf inzwischen knallrot sein müsste, werde ich bleich. Mir fällt plötzlich ein, dass ich irgendwo gelesen habe, "go for a walk but don't cross the river, Crocodiles have been spotted there." Also frage ich Kevin, mit wahrscheinlich etwas zu hysterischer Stimme: "are there crocodiles in the river?!?" Er nickt nur. 

Gut, dass wir gerade getauscht haben. Meine Knie sind Pudding, im Stehen auf dem Board wäre ich zusammengesackt vor Schreck. Ich sitze im Kajak und verfluche mich selber. Wie blöd kann man sein?! 


Kurz überlege ich, ob ich umdrehe und ins offene Meer zurückpaddle oder an den Strand irgendwo. Aber alleine zurück paddeln? Sicher nicht. wie sehr wünsche Ich mich gerade auf meine fränkische Rednitz!! In einem mexikanischen Mangrovenfluss von Krokodilen gefressen werden?! Na Bravo. Auch wenn sie mich nicht auffressen sondern mir "nur" eine Hand, einen Fuß, einen Arm oder ein Bein abbeißen. Der Drehbuchregisseur des absurden Montagsfilms ist in meiner Gunst gesunken. Erst die Flamingos und dann das?! Come on! Ich will nach Hause. Sofort. 

Gustavo versucht, mich zu beruhigen: "die haben mehr Angst vor Dir als Du vor ihnen." - ach ja?! Mehr Angst als ich? Das ist gerade schwierig! 

Wir paddeln und paddeln und paddeln und ich versuche, mich abzulenken und auf andere Gedanken zu bringen. 

"Heeey vielleicht fressen mich gar nicht die Krokodile, sondern wir werden gerade von Kevin entführt? Vielleicht paddeln wir zu einem entlegenen Ort, wo sie uns gefangen halten und von unseren Familien Lösegeld erpressen?" - verdammt, keine gute Ablenkung. Ich Idiot. Ich überlege, wie sowas ablaufen würde und was meine Eltern sagen würden. Dann vielleicht doch lieber gefressen werden...

Warum konnte ich nicht auf einem scheiß Pferd den scheiß Strand entlang reiten, wie ein normales Mädchen??

Wo ist eigentlich mein Rucksack? Ach ja, auf dem Boot. Aaaargh. Während ich mich gedanklich übelst beschimpfe, mache ich Inventur. Ich habe meine GoPro und mein Handy in der Unterwasserhülle. Noch 31% Akku. Oh, Flugmodus ist an. Aus Akku Spargründen gut, aber zur Lokalisierung nicht. Also mache ich den Flugmodus aus und habe, wie zu erwarten war, kein Netz. Trotzdem öffne ich WhatsApp und "verschicke" meinen Standort oder rede mir zumindest ein, WhatsApp könnte das im Falle eines Falles rekonstruieren. Immerhin weiß Google Maps auch, wo ich bin, wenn ich offline bin und sogar, wenn der Flugmodus an ist. 

Das ist der erste Moment auf dieser Reise in dem ich es bedauere, alleine unterwegs zu sein. Jemand anders hätte mich entweder vor der Tour bewahrt oder könnte mich jetzt zumindest versuchen zu beruhigen. 

Ich überlege, was mir lieber wäre: von Krokodilen angegriffen oder von Kevin entführt zu werden. Aber das ist ungefähr so wie die Wahl zwischen: willst Du lieber so klingen wie Arnold Schwarzenegger oder von ihm verprügelt werden. Wär beides blöd. 

Endlich, nach fast 2 Stunden, gibt Kevin uns ein Zeichen, dass wir an einem kleinen Steg anhalten sollen. Er redet Spanisch mit den zwei Jungs, ich höre sie nicht. Gustavo fragt, ob ich lieber hier aussteigen will, aber da sind viele Moskitos, oder ein Stück weiter paddeln und dafür kürzer laufen. Aha, wir laufen? Wohin? Warum? Mama! Papa! Ich will SOFORT nach Hause! 

Spontan entscheide ich mich für weiter paddeln - Moskitos machen die ganze Situation nicht besser, die brauch ich jetzt ganz und gar nicht auch noch. Wir paddeln an einem Holzzaun vorbei. Erst denke ich, es ist eine Plattform für Boote, aber es ist wirklich ein Zaun aus Holzpfählen, direkt vor einem der Flussarme. Kevin hält sich am Zaun fest, schaut drüber und deutet ans Ufer: "see the eyes? Ooooh, it's a big one!" What. The. Fuck. 

Krokodile. Oder Alligatoren. Ich habe absolut keine Ahnung was der Unterschied ist, will aber keines von beidem treffen. Ich wollte doch nur die Flamingos sehen!! Falsche Tiere! Alarm! 

Ich frage, ob sie nicht rauskommen können, Kevin sagt: klar können sie das. Was zur Hölle machen wir dann hier?!? 

Ein Stück weiter ist noch ein Steg mit einer Hütte mit Palmendach am Ende. Hier machen wir die Kajaks und Paddleboards fest und steigen aus. Kevin geht voraus ins Dickicht, kommt zurück und sagt, dass auch hier viele Moskitos sind. "A donde vamos?" Frage ich, wohin gehen wir eigentlich? Die Antwort war: "na zu den Crocos, auf die andere Seite des Zauns!" 

Erst denke ich, es ist ein Witz, aber Kevin meint es ernst. Falls er uns entführen will, denke ich, ist genau das die Gelegenheit. Also sage ich: ich komme nicht mit. Ich warte unter Strohdach auf dem Steg. Überraschend wenig Widerrede, offensichtlich will er uns doch nicht entführen, oder nur die zwei Jungs. Oder er ist ein schlechter Entführer. Mein Hirn dreht sich im Kreis, liegt wohl auch an der Sonne, die seit zwei Stunden auf meinen Kopf brennt und mein Hirn kocht.

Während ich warte, höre ich ein Boot. Ein Mann und eine Frau sitzen darin und kommen direkt auf den Steg zu. Der Mann hat ein Batman-T-Shirt an, fällt mir auf, und ein Superheld kommt mir gerade sehr gelegen. Die beiden machen ihr Boot fest, der Mann steigt aus, die Frau bleibt im Boot sitzen. Ich sitze unter meinem Strohdach und merke, das die Jungs schon ziemlich lange unterwegs sind. Als ich ein Schild sehe, gehe ich den Steg entlang um ein Foto zu machen und nach den Jungs zu schauen. Die Frau spricht mich an, ich soll doch davon ein Foto machen - und zeigt auf den Bug des Bootes. Dort sitzt: ein kleiner Alligator. Den Mund mit Klebeband umwickelt, damit er nicht beißen kann. Wie ich später erfahre, haben die beiden den Alligator in einem Haus oder Garten gefangen und entlassen ihn in die Natur. Sie setzen ihn jetzt dort wieder aus, wo seine Artgenossen leben, wo wir gerade sind. (Was ich echt uncool finde, dass wir hier sind, aber gerade nicht ändern kann.) 

Kevin, Gustavo und Artur kommen zusammen mit dem Mann vom Boot zurück, der Mann holt den Alligator aus dem Boot und will ihn mir in die Hand drücken. Thanks, but no thanks. 

Also bekommt Artur ihn und ich mache immerhin ein Selfie mit den beiden - mit genügend Abstand! 

Selfie mit einem, der einen kleinen Alligator hält.
Selfie mit einem, der einen kleinen Alligator hält.

Und, weil irgendwie schon alles egal ist, streichle ich ihn am Rücken und am Schwanz (den Alligator, nicht den Artur). 

Er fühlt sich gut an, weicher und irgendwie ledriger als erwartet, ich hatte eher eine harte, glatte, panzerartige Haut erwartet. 

Der Mann bringt den Alligator jetzt in den Busch und wir paddeln endlich zurück. Tatsächlich werden wir von der Strömung getragen und es geht relativ rasant voran. Noch nie habe ich mich so sehr darauf gefreut, erst in ein fremdes Boot auf dem offenen Meer zu steigen und dann endlich bald wieder festen Boden unter den Füßen zu haben. Das spornt mich an, zielstrebig paddle ich zurück und versuche zu erkennen, wie weit es noch ist bis das Meer beginnt. Zwischendrin mache ich immer wieder mal Fotos, mein Akku wird immer leerer. Inzwischen sind wir seit über zwei Stunden auf dem Wasser. 

Als ich das helle Türkis in der Ferne schimmern sehe, springt mein Herz vor Freude und Erleichterung. Also, falls Kevin vorhatte uns zu entführen, ist er ein ziemlich mieser Entführer. Vorausgesetzt, das Boot fährt uns auch wirklich zurück zum Strand... 

Natürlich tut es das, das ältere Ehepaar war in der Zwischenzeit angeln, aber sie haben nichts gefangen. 

Ich steige ins Boot und wir fahren zum Strand. Als wir dort ankommen, bin ich endlos erleichtert, ärgere mich über mich selber und schwöre mir, nie wieder durch mexikanische Mangrovengewässer zu paddeln. Ich gebe mir als Strafe selber Hausarrest wenn ich wieder zu Hause bin und verspreche meinen Eltern hoch und heilig, so einen Blödsinn nie wieder zu machen. (War ja aber nicht mal Absicht! Ich wollte doch nur zu den Flamingooos auf der Sandbaaank! Und das mit den Pferden war mir zu gefährlich... mannomann.)

Kevin bekommt auf jeden Fall ein fürstliches Trinkgeld dafür, dass er mich nicht entführt hat und ich nicht von Krokodilen gefressen wurde. Was für ein erfolgreicher Tag! Und wie sagt man so schön: see you later Alligator, after a while crocodile. 

Zur Feier des Tages gönne ich mir erst eine Kokosnuss und dann ein Golfkarttaxi zurück zum Hotel. Dem Golfkarttaxifahrer erzähle ich, was passiert ist und er ist etwas verdutzt. Darüber, dass ich mich wundere. "Sí, claro!" Er fährt dort manchmal mit dem Boot durch und da schwimmen immer Krokodile kreuz und quer. Aber die tun meistens nichts. Aha. Rückwirkend bleibt mein Herz kurz stehen.  

Und der Zaun in den Mangroven ist übrigens deshalb dort, weil gegenüber ein Stück weiter ein Familienhotel ist und oft Kinder dort spielen. Darum will man den besonders großen Tieren den Weg dorthin etwas erschweren. Ich freue mich unbändig, dass ich mir immerhin ein paar Kilo angefressen habe auf dem Weg, denn bezüglich der Körpergröße bin ich in etwa die gleiche Krokodilsmahlzeit wie ein zwölfjähriges Kind. 

Die große böse Überraschung kommt, als mein Handy wieder Strom hat und ich die Fotos ansehe. Was ist das da neben mir?!?

Reptilienexperten anwesend? Freue mich über eure Hilfe und Kommentare. 

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Kommentare: 1
  • #1

    Tobi (Samstag, 02 Dezember 2017 23:55)

    Hey.

    Weißt du noch was du für die Paddeltour gezahlt hast?